Weit entfernt oder weit abgehoben?

Silicon Valley ‚refuses to take Europe seriously‘ – dieser Artikel erschien Ende Januar im  guardian.co.uk von Bobbie Johnson, Technologie Korrespondent. Die Hauptaussage war: „Investors and companies in Silicon Valley do not take European internet businesses seriously, according to a leading entrepreneur.“
Im Artikel wird vor allem Loic LeMeur zitiert, der mit seinem Start-up seesmic, wie wir alle wissen, mit grossem Getöse von Paris nach San Francisco zog. Einer der Hauptgründe für ihn, war die Nähe zu anderen Start-ups. Das sei ohne Präsenz im Valley fast nicht möglich. Zudem seien die Start-ups in Europa nicht wirklich am US Markt interessiert und seien diesbezüglich immer noch zu vorsichtig, meinte er im Artikel.

Zum einen kann ich den Artikel nachvollziehen –  es gibt immer noch viele Start-ups, die keine direkten Ambitionen haben, die Welt zu erobern. Auf der anderen Seite ist es wohl schon richtig, dass die Startups in US es prinzipiell „einfacher“ haben, da vernetzter und die Rahmenbedingungen seit Jahrzehnten auf Technologie Ventures ausgerichtet sind: Bildung – Geld – Geist. In all diesen Bereichen ist uns das Valley sicherlich immer noch weit voraus.

ABER: Ich finde es vermessen, die Startups in Europa einfach in einen Topf zu schmeissen. Neben den sicherlich vielen Copycat-Startups gibt es auch echt innovative Technologien die in Europa entwickelt werden, die auch die Ambitionen haben, sich in den USA durch zu setzen.

Ich wollte deshalb von Howard Hartenbaum wissen, was er zu dem Artikel meint und zu den Aussagen von Loic LeMeur. „I know Loic and though I like him and think he is smart, I disagree on him with this one. I think his comments are a bit self serving.

This is too simplified. If a European company is focused on the US market, then moving to the US makes sense. If a European company is focused on Europe, then they should stay in Europe. If a European company is focused on the whole world, then they should stay in Europe and put a Business Development person in the US because Americans are not good at internationalization anyway.

Most Americans think that internationalization means translating a product for a specific market. I think that Europeans are much better thinking and acting internationally from the start.“

Ich habe die selbe Frage auch Rob Trice von NOKIA Growth Partners gestellt. Rob meinte dazu: „I think there is an element of truth but it is overstated and too simplistic to say Europe is not taken seriously.

Many Valley VC’s do see „Old Europe“ as lacking the ambition, risk profile, and supportive business infrastructure (legal, labor, etc.) for European companies to move as quickly and with the same flexibility as a Valley-based company to create a global winner.

Beyond the knock on Europe, the other benefit of moving a company to Silicon Valley is to expose a company to the global network of internet innovators.  To be clear, Silicon Valley does not hold a monopoly on internet innovation.  However, almost all innovative companies and ideas pass through the Valley in some way– talking to Google or Yahoo as a customer or acquirer, seeking venture financing, etc.

The downside of moving a company to the Valley is 1) it is expensive, 2) we too often believe our own BS too much– that the Valley way is the only path to success.

There are numerous hybrid approaches that can work for a company for some period of time:
1. Two headquarter approach– one in Europe, one in the US.
2. Strong sales office in SF– to make sure the Valley talk is getting back to the company and the company is on the Valley’s radar.
3. Get Enlightened US VC backing– some VCs understand that there is internet life outside of Silicon Valley and China.  They can help plug a company into the Valley.
4. Plan for a US expansion– don’t allow your company to be satisfied as just a European winner and plan the milestone that marks when you should move beyond Europe.

The other thing to keep in mind, is that there have plenty of successful VC-backed companies that have not had to be global winners and not pursued money from US VCs.  Most Japanese companies have a large enough domestic market that they can live comfortably just in that market and go public on the MOTHERS market. Korea is somewhat like Japan.  India and Chinese internet companies have US VCs chasing them because of the large potential domestic market.“

Die Aussagen zeigen glaube ich sehr deutlich: Auch Startups in Europa haben alle Chancen. Es ist eine Sache der eigenen Ambitionen und der Möglichkeiten, seine Firma lokal oder global auszurichten. Dass, wer im Internet ein Globaler Winner werden will, hier im Valley „durch“ kommen muss, scheint mir offensichtlich.

Die Internationalisierung von erfolgreichen Diensten, wann und wie, dies ist und bleibt sicherlich ein spannendes Thema!

3 Gedanken zu „Weit entfernt oder weit abgehoben?

  1. Aufgepasst Peter. Man muss immer US-Schönrednerein bzw. Höflichkeit von der Realität unterscheiden. So wird ein Amerikaner nie nein sagen, nur wie er ja sagt heisst nein oder ja.

    Ich würde meinen, US-VCs sind an europäischen Firmen nur dann interessiert, wenn die VCs selber in Europa danach Ausschau hielten (dazu haben sie ein Büro in Genf oder London). Oder, wenn der Europäer beweisen kann, dass er den Amerikaner nicht braucht.

    Ich habe einige Leute gesehen, die die Tour der Valley VCs gemacht haben. Immer haben sie an den Durchbruch geglaubt, nie ist er gekommen. Gehe nach Amerika wenn du stark bist – nicht wenn du die Amis brauchst um dich stark zu machen.

    Ein US-Office ist wichtig – der US-Markt ist wichtig. Sei in Amerika eine amerikanische Firma (Europa braucht nicht einmal speziell erwähnt zu werden, interessiert eh niemanden), in Europa eine Europäische mit Büro in den Staaten.

    Und vergesse den Rest der Welt nicht. Ich werde demnächst ein Venture auf den Markt bringen mit Zielmärkten 2. und 3. Welt – dh Indien, Lateinamerika und dann erst USA und Europa. Ich gehe dort hin wo die anderen noch nicht sind. Wenn wir da eine gewisse Stärke und proof of Concept und proof of Market haben, gehen wir in die 1. Welt. Die Schweiz ist für mich nur ein Testmarkt, weil es nahe ist, mit den Leuten zu sprechen.

  2. Lieber Peter

    Besten Dank für den tollen Artikel und die differenzierte Betrachtungsweise der Thematik.

    Spannend auch zu hören, dass Reto ein neues Venture plant.

    Weisst Du/man da schon mehr?

    Gruss Dominik

  3. @Dominik: nein weiss davon noch nichts.

    @Reto: Ich weiss schon den Unterschied von Schönrednern und der Realität. Ich kann Dir versichern das Howard Hartenbaum kein Blatt vor dem Mund nimmt, wenn es was zu sagen gibt. Dritte Welt ist schon gut, aber wenn man monetarisieren muss, dann ist erste Welt halt das Mass der Dinge.
    Aber klar: Es gibt für jedes Start-up die individuelle Strategie. Fakt ist aber, dass wir uns nicht zu verstecken brauchen. Ich würde mir mehr Mut manchmal diesbezüglich wünschen.
    Übrigens hat Draper Investments neu in Zürich ein Office eröffnet!

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