Web 2.0 Boom oder Bubble?

Ich hab mir gedacht, mal die letzten 5 Jahre zusammen zu fassen und kurz zu analysieren, wo wir uns befinden bezüglich Web 2.0 – in einem Boom oder einer Bubble.

Dabei definiere ich Boom als vom einem steigenden Marktbedürfnis nachhaltig nachgefragtem Angebot. Als Bubble würde ich ein steigendes Angebot von Produkten und Dienstleistungen für einen nicht genügend vorhandenen Markt bezeichnen. Wobei natürlich die mediale Wahrnehmung auch in beiden Fällen entsprechend gewichtet werden muss sowie deren Auswirkung auf die Börse und damit der Bewertung von Unternehmen.

Ich will hier auch nicht eine tiefschürfende Arbeit abliefern sondern nur Hinweise aus meiner Wahrnehmung wiedergeben.

1. Was spricht für einen Boom?

Zur Zeit erhalte ich wöchentlich mehrere Projektideen in verschiedenen frühen Stadien. Ich sehe, dass viele kreative Ideen durch die verschiedenen Berichte über erfolgreiche Early Birds ermutigt werden. Dies ist prinzipiell sehr gut, wenn jeweils ein entsprechender Markt vorhanden ist. Beispiel Social Networks: Hier tummeln sich bereits viele. Und immer mehr wollen noch in diesen Markt, mit immer mehr vergleichbaren Leistungen oder ähnlichen Angeboten. Hier heisst nicht immer technisch besser = erfolgreich oder mehr Geld verfügbar = Durchschlagskraft.

Durch die nachhaltig wachsende Internet-Kaufkraft ist ein Markt entstanden, der weiter wächst und der auch ein wachsendes Bedürfnis an Produkten und neuen Dienstleistungen hat. Dies ist aus meiner Sicht der grösste Unterschied zu 1998-2000. Wir sind gute 6 Jahre weiter. Das heisst die damals 12jährigen sind heute 18 und echte „Digital Native“. Zudem haben auch die „Digital Learners“ viel gelernt. Von diesem Potenzial darf man sich aber auch nicht einfach blenden lassen. Auch bei neuen Projekten gilt es zu bedenken, dass Viralität zwar ein Phänomen des Internets ist, letzlich aber nichts anderes als eine Marketingform, die entsprechend in Vermarktungskonzepte miteinbezogen werden muss. Viralität kommt aber nicht einfach nur so. Man muss sie gezielt fördern, man muss sie lenken und animieren können. Da überschätzen viele Projekte sich selbst beziehungsweise gehen von quasi automatischem Wachstum aus.

Die heutigen technischen Entwicklungsumgebungen erlauben eine rasche Entwicklung von qualitativ hochstehenden Leistungen, die auch skalierbar sind. Man kann schnell auch mal einen Markttest machen – ohne millionenschwere Vorinvestitionen.

Aussenwahrnehmung ist verhaltener, nicht mehr so euphorisch wie 1998-2000. Die Berichte häufen sich zwar, sind aber nicht getragen von dieser „alles verändert sich“ und „alles ist möglich“ Stimmung. Es gibt keinen sogenannten medialen Kampf zwischen „Old-Economy“ und „New-Economy“, obwohl heute wieder User-Bewertungen von Firmen gemacht werden (Facebook, MySpace etc.). Medien und damit auch die Öffentlichkeit nehmen die neue „New-Economy“ zur Kenntnis und akzeptieren vorsichtig, dass da trotzdem nachhaltig eine Veränderung eingetreten ist und sich weitere anbahnen werden.

2. Was spricht für einen Bubble?

Es gibt viele Unternehmen, die neue Konzepte verfolgen, die für viele schwierig nachzuvollziehen sind. Das heisst es besteht eine Diskrepanz zwischen was wird sich in Zukunft durchsetzen (Wissen) und den heutigen Möglichkeiten (Trends/Machbarkeit). Durch die erfolgreichen Beispiele, die es sogenannt „geschafft“ haben, wird eine Euphorie erzeugt. Das wiederspiegelt sich in Unternehmensbewertungen, wie auch inflationäre Nachahmerprojekte. Dies wiederum wird zusätzlich angeheizt von Medienberichten zu den neuen Stars dieser Szene. Vergleichen wir aber das Marktumfeld 1998-2000 mit heute, so konnte, im Unterschied zu heute , damals jeder mitmachen – eine generelle Euphorie war greifbar vor allem durch die Transparenz der vielen Börsengänge.

Heute spielt sich diese Euphorie eher in Segmenten ab. Das heisst das Angebot für Business Angel und für VC ist viel breiter geworden. Die Unternehmensbewertungen sind höher. Das heisst die Selektion wird noch wichtiger. Aber der Zugang zu vielversprechenden Projekten regelt sich nicht im quasi öffentlichen Markt sondern in der Business Angel Szene bzw. dem Venture Capital Segment.

Dass es immer wieder Projekte geben wird, die es nicht schaffen liegt in der Natur der Sache. Daraus eine Bubble abzuleiten wäre falsch. Dass es immer wieder Nachahmerprojekte gibt ebenso.

Die heutigen Börsenhochs basieren nicht auf fundamental falschen Beurteilungen wie 1998-2000 sondern basieren auf „Old-Economy“ Blue Chips. Die neuen Börsenkandidaten aus der neuen Web 2.0 Ära sind in den Startlöchern und haben alle nachhaltige Geschäftsmodelle. Die Bewertungen wird ein Markt vornehmen, der viel gelernt hat aber in guter Stimmung ist.

3. Zusammenfassung

Ich sehe keine Anzeichen einer generellen Überhitzung, wie ich es am eigenen Leib erfahren habe im 1998-2000. Natürlich, es gibt mehr Projekte, es gibt eine gewisse Web 2.0 Viralitätseuphorie und ein Konzentrationsprozess wird in einigen Gebieten einsetzen. Aber da draussen ist auch ein nachhaltig wachsender Markt. Ich sehe also der weiteren Entwicklung sehr positiv entgegen.

5 Gedanken zu „Web 2.0 Boom oder Bubble?

  1. Wichtiger Unterschied zu „damals“ ist auch, dass heute „gescheites“ Geld im Umlauf ist. D.h. die Anleger/Investoren verstehen meist sehr genau, um was es sich bei der Investition handelt. „Damals“ hat jeder mitmachen wollen. Es waren keine „gescheiten“ Investitionen, sondern ein Handeln mit Aktien – jeder musste/wollte dabei sein.
    Heute ist nicht Hinz&Kunz dabei, sondern bei den Investoren handelt es sich um die Grossen der ersten Internet-Welle (Google, Amazon, etc.), um gestandene Firmen (Microsoft, Intel, HP, etc.) oder um private Investoren, die sich damals eine goldige Nase verdient haben und das Geld wieder gescheit investieren möchten.
    Aus diesen Gründen ist auch die Gefahr einer „Bubble“ viel kleiner – ausser die „klassischen“ Medien machen eine daraus😉

  2. …hhmm, ob das wirklich „gescheiteres“ Geld ist, muss sich erst noch rausstellen. 16 Mio. Dollar für eine Firma die noch kein rechtes Businessmodel hat wäre noch vor nicht allzu langer Zeit nicht denkbar gewesen (siehe Yelp). Witzig ist auch, das Sevin Rosen (grosser Namen im Silicon Valley) z.B. keinen neuen Venture Fund mehr geöffnet hat (Gesichert wären 250-300 Mio. Dollar), weil die nicht mehr daran glauben, das Kapital erfolgreich investieren zu können. Derzeit muss man noch nicht von einer „Bubble“ sprechen, aber etwas aufmerskamer darf man werden. Wie schnell übrigens „fundamentale“ Erfolgsdaten von der Börse „vergessen“ werden haben wir auch schon gesehen;-)

  3. Will, muss man aber sehen warum Sevin Rosen keinen neuen Fond eröffnet hat: sie glauben nicht, dass in 4-5 Jahren der profitabelste Exit-Kanal für sie verschlossen sein wird, sprich keine IPOs.

    Wer als VC oder BA nicht auf IPOs schielt, sondern trade sales oder einfach gut funktionierende Unternehmen akzeptiert, hat das Problem nicht.

  4. Ich würde auch von einem web 2.0 Boom und nicht einer web 2.0 Bubble sprechen. Eine Bubble kann nur entstehen, wenn Investitionen in einem Markt eine Eigendynamik entwickeln und sich nicht mehr an realistischen Bewertungsmustern der Investionsobjekte orientieren. Der US-Amerikanische Immobilienmarkt macht mir bspw. zur Zeit einen solchen Eindruck.
    Web 2.0 boomt hingegen zweifellos.
    Eines darf man in der Diskussion nämlich nicht vergessen: Web 2.0 baut meistens auf dem vielzitierten „user generated content“ auf. Die User werden also immer dahin gehen, wo der meiste Content generiert wird. Und der meiste Content wird da generiert, wo am meisten User sind. Was passiert? -> The winner takes it all: Pro Kategorie wird es längerfristig nur 1-2 Champions geben, wo sich dann das grosse Geld verdienen lässt und der Rest geht leer aus. Das wissen natürlich auch die Investoren (zB Medienunternehmen, welche ihr zukünftiges Geschäftsmodell sichern wollen) und genau deswegen setzt nun auch eine Rally ein. Mit Myspace und Youtube gingen bereits zwei solcher Champions (to be?) für fast unglaubliche Summen an grosse Medienunternehmen. Google geht ein sicherlich ein Risiko ein, die Investition lässt sich aber dennoch rational begründen. Und jetzt zurück zur Bubble: Gefährlich ist nämlich ggf. die Aussenwirkung solcher Mega-Deals. Durch die Presse (wie auch oben schon richtig gesagt) hochgespielt, könnte dies nämlich wieder eine Art Goldgräberstimmung verursachen. Und das hoffe ich wahrlich nicht. Denn dafür ist web 2.0 mit seinen vielen und z.T. genialen Lösungen, welche unser Leben verbessern, viel zu Schade.

  5. Danke für die guten Kommentare. Hier noch einige Bemerkungen:
    @Ivo:Prinzipiell sind natürlich Start-up’s und die Investitionsmöglichkeiten auch einen Markt. Vergleicht man die Bewertungen und Angebot und Nachfrage dieses Marktes während dem Ice Age (2001-2003) mit heute so sind natürlich enorme Unterschiede auszumachen.

    Die Aussenwahrnehmung der „Bubble“ im Jahr 2000 war damals die Spitze des Eisberges an den Börsen. Dahinter verbarg sich aber eine ganze VC Industrie und damit eine Vielzahl von Start-up’s mit tausenden von Jobs im Silicon Valley und in der ganzen Welt, die diesen Sprung noch vor sich hatten. Ist das heute anders? Ich denke JA – obwohl es auch hier in der Innensicht der Szene also, bereits einige Anzeichen von Überhitzungen gibt – sprich enorm hohe Valuation (Unternehmensbewertungen) verbunden mit hohen Risiken, die vor ein paar Jahren niemand eingegangen wäre.
    @Jan und Will: Ja – es gibt auch immer die, die bereits wieder vom Gegenzyklus sprechen. Und bereits aus Prinzip nicht mehr investieren. Für mich stimmen aber viele fundamentale Faktoren gerade bei Web2.0 Firmen immer noch. Aber aufgepasst: Eine Firma ist immer auch ein Management/Unternehmer, die die Vision auch umsetzen können müssen. Und daran scheitern viel mehr Start-up’s als an fehlenden Business Modellen. Ein guter Unternehmer findet auch ein gutes Business Modell – auch wenn er seine Vision ändern muss!
    @David: Absolut einverstanden. Und nun wie werde ich der Gorilla in meinem Segment? Das ist die grosse Frage! Und da bin ich daran einige Regeln zu definieren – oder besser zu analysieren. Ich werde einige in kürze posten um mal zu sehen was andere davon halten. Meine Frage lautet: Ist virales „Internet“ Marketing so viel anders als klassisches Marketing?

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s