ICT Förderung, E-Government und Bildung

Ich weiss gar nicht so recht wo anfangen. Der Bericht von Beat Kappeler in der „NZZ am Sonntag“ (Online nicht verfügbar) hat mich wirklich geärgert. Ich schätze die liberale Haltung von Herr Kappeler sehr und seine Kolumnen sind oftmals sehr gut. Aber dieses Mal hat er tüchtig daneben gegriffen. Scheinbar ist im nicht bewusst, oder bekannt, welchen Stellenwert die ICT einnimmt und wie sie sich laufend verändert. Für die, die den Bericht nicht gelesen haben, hier einige Aussagen:

„Während angelsächsische Jungmänner Internetfirmen wie Google, Ebay, Skype oder MySpace aus dem Nichts erschaffen, will die Schweizer CVP dem Staat die Rolle des Schrittmachers erteilen, um die Chance Wissensgesellschaft zu packen.“

Und zu der Forderung der CVP die Schweiz soll der Topstandort für Informations- und Kommunikationstechnologien in Europa werden: „Einerseits bedeutet dies gar nichts, weil die Spitze des Fortschritts bereits in den Vereinigten Staaten liegt, nicht in Europa, und anderseits streben ETH-Forscher und Praktiker in den Firmen heute auch anderes an, etwa die Spitze der Nanotechnik.“ „… in der Mechanik und Automatik ist die Schweizer Wirtschaft Weltspitze…“

Zu der Forderung des Papiers der CVP nach „jedem Schüler ein PC“: „… Die Fähigkeiten dazu erwirbt der Schüler mit Lesen, Schreiben, Rechnen und mit perfekten Englishkentnissen, nicht mit gratis hingestellten Gerätchen. „Back to the basics“ muss die Devise in der Schule sein. Und ob die Schweiz im Jahre 2015 eine grosse Biotechnik-Macht sein wird oder ein Zentrum für Nanotechnik oder aber der Informatik – dies entscheiden die gut ausgebildeten Schüler sowie gute Standorte.“

Erstens, Herr Kappeler, Skype ist eine echte Europäische Erfindung – keine angelsächsische.

Zweitens, hat meine Tochter (4. Schuljahr) nach wie vor keinen PC im Unterricht. Das einzige „Gerätchen“ ist ein uralter PC, der kaum mehr läuft – ihn gebrauchen würde wohl niemand mehr wollen – es ist ein alter Pentium II noch aus dem letzten Jahrhundert.

Drittens, warum wohl sind die Rahmenbedingungen für viele Start-up’s im Bereich Informationstechnologien in den USA derart gut? Im Bereich Technologieeinsatz in der Schule ist die USA Europa und insbesondere der Schweiz um Meilen (Jahre) voraus. Einfach mal eine Zahl: Auf einen PC in der durchschnittlichen US Schule kommen gerade mal 3,5 Schüler, in einigen Staaten sogar unter 2 Schüler! Und in der Schweiz? 11 bis 15 Schüler! Aber für sie ist ja wichtig, dass sie Lesen und Schreiben lernen – gerade so wie vor 100 Jahren: „Back to the Basics“ – was würden da wohl die Forscher bei der Gentechnologie sagen oder in neuen Forschungsprogrammen der ETH für die Nanotechnologie, wo der Einsatz von PC und der trainierte Umgang mit entsprechenden Softwareentwicklungenfür Forschungsprojekte und Resultate entscheidend sind?

Verstehen Sie mich richtig: Die Diskussion und Sensibilisierung welche Bedeutung der Einsatz von Technologie in der Bildung hat, widerspiegelt sich genau in solchen Äusserungen. iPod und Podcasting erlauben es dem US Schüler, die Lektion vom Lehrer nochmals nachzuverfolgen, PC und kollaborative Webdienste ermöglichen es dem Schüler auch nach dem Unterricht mit der Lehrerin Fragen austauschen zu können. Eltern können direkt mit Lehrern kommunizieren und sind in das Schulsystem voll eingebunden. Das sind wahre private Initiativen. Ich als Elternteil will in die Bildung meines Kindes involviert sein. Ich will mithelfen können, meine Tochter anregen können, im Sinne der Schule zu lernen und zwar basierend auf neuen und zugänglichen Informationsquellen, beispielsweise das Internet. Dazu braucht es mutige und innovative LehrerInnen, Schulen und die bei uns nun mal notwendige Unterstützung der Politik. Leider haben die Eltern in unserem Schulsystem nur indirekt etwas zu sagen. Gerade deshalb braucht es die Gesellschaft, die erkennt, dass die Wissensgesellschaft beim Kind anfängt. Dort sind Beat Kappelers neuen Nanotech-Forscherinnen, da sind die neuen Generationen von Bio- und Genforschern, da sind die nächsten Skype- oder MySpace-Erfinder – aber nur, wenn sie mit der neuen Materie vertraut gemacht werden und sie von Beginn weg richtig einzusetzen wissen.

Was Beat Kappeler in seinem Bericht nicht erkennt, ist die Tatsache, dass in der Schule die „Single Source of Information“ schon lange weg ist. Die heutigen Schüler spielen virtuell mit Kameraden weltweit im Internet, suchen sich neue Informationen zuhause auf Webseiten von geolino.de oder lernen spielend auf toggolino-clever.de. Aber alles ungeführt und von vielen Lehrern kaum oder gar nicht begleitet. UND nicht alle können leider zuhause surfen. Es entsteht eine Zweiklassengesellschaft, von solchen mit Zugang zu Informationen, sprich Internet, und solchen, die ihn nicht haben.

Ich begrüsse die Thematisierung der Technologie in der Schule durch die CVP. Und zwar nicht nur aus Eigeninteresse heraus (der Schweizermarkt ist weniger als 10% unseres Umsatzes). In der Schweizer Bildungslandschaft, mit ihrem Föderalismus und staatlicher Lenke, hat eben gerade der Staat, und damit die Politik, die Pflicht, den Takt bezüglich des Einsatzes neuer Lehrmedien und Technologien in den Schulen stark vorzugeben. Ich wünschte mir, dass diese Pflicht von allen viel ernster genommen würde.

In der Schule von heute geht es also nicht nur um Lesen und Schreiben lernen. Es geht auch nicht um Gratisgerätchen. Es geht darum, dass die Schulen stärker gezwungen werden, Technologie im Unterricht gezielt und wissend (heisst für mich ausgebildet) einzusetzen. Das Resultat sind Kinder, die lernen, die verfügbaren Technologien zum Lernen richtig einzusetzen, und viel wichtiger noch, die motiviert werden, Neues zu erforschen, beispielsweise im Internet oder in Wikipedia. Und dies vom Kindergarten an.

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